Sekundäre Traumatisierung

 

Bei einer sekundären Traumatisierung handelt es sich um eine Form der Traumatisierung, die mit einer zeitlichen Distanz zum Primärtrauma und ohne die direkte Beteiligung der sensorischen Eindrücke des Ausgangstraumas, entsteht (Daniels, 2003).  Das bedeutet, dass z.B. Familienangehörige oder Personen aus helfenden Berufsgruppen (z.B. Therapeuten, humanitäre Helfer, Pflegekräfte, Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei), die selbst an dem Trauma nicht beteiligt waren, sondern die traumatischen Ereignisse „nur“ berichtet bekommen oder beobachtet haben, trotzdem posttraumatische Symptome, wie z.B. Intrusionen, entwickeln können.

 

Wie kann es nun aber zu so einer sekundären Traumatisierung von z.B. Psychotherapeuten, kommen? Gerade im therapeutischen Setting unterscheidet sich die traumatische Situation des Klienten schließlich auf den drei Dimensionen: Wissen, Vorhersehbarkeit und Kontrolle, von der Situation, der die Therapeuten ausgesetzt sind. In der Regel nehmen Therapeuten mit Hilfe von spezifischen Methoden und Interventionen z.B. Einfluss auf den Verlauf der Sitzungen und sie wissen im Vorfeld, in welcher Sitzung das Trauma-Material bearbeitet werden soll. Außerdem sind sie in der Lage, aufgrund ihres Expertenwissens, posttraumatische Symptome zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.

 

Eine mögliche Erklärung hierfür liefert die neuropsychologische Theorie der Sekundären Traumatisierung (Daniels, 2007). Im Rahmen dieser Theorie wird die traumatogene Verarbeitung bei z.B. Psychotherapeuten, anhand von drei Prozessen erklärt: Empathiefähigkeit, Kindling-Prozess und peritraumatische Dissoziation.

 

Mit Hilfe von Empathie ist es möglich, einerseits mentale Perspektiven des Gegenübers kognitiv nachzuvollziehen, also dessen Perspektive einzunehmen, und andererseits sich in die gefühlsmäßige Verfassung anderer Menschen hineinzuversetzen. Es wird davon ausgegangen, dass die Beobachtung eines emotionalen Zustandes dazu führt, dass die gleichen neuronalen Netzwerke aktiviert werden, wie während die Person selbst die Emotion erleben würde (Preston & de Waal, 2002). Dies konnte v.a. für Ekel (Wicker, Perret, Baron-Cohen, & Decety, 2003), Schmerz (Singer, Seymour, O´Doherty, Kaube, Dolan, & Frith, 2004) und körperliche Berührung (Keysers, Wicker, Gazzola, Anton, Fogassi, & Gallese, 2004) mit Hilfe von bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden. Verantwortlich für die neuronale Aktivierung, also für die interne Simulation emotionaler Zustände des Gegenübers auf neuronaler Ebene, scheinen sogenannte Spiegelneurone zu sein. Indem der Klient im Rahmen der Therapie immer wieder von seinem Trauma berichtet, kommt es zu einem sogenannten Kindling-Prozess, welcher durch die Spiegelneurone vermittelt wird. Beim Kindling handelt es sich um eine zunehmende Sensibilisierung eines Areals im Limbischen System, nämlich der Amygdala. Das bedeutet, es kommt immer wieder unterschwellig zu einem Anstieg der Angsterregung bei den Therapeuten, was zur Folge hat, dass die Amygdala mit der Zeit immer „sensibler“ reagiert. Nach einer Weile reicht demnach bereits eine geringe Aktivierung aus, um die Toleranzschwelle zu überschreiten und bei den Therapeuten intensive Angst- und Hilflosigkeitsgefühle hervorzurufen, die nicht zur eigentlichen Situation passen. Diese intensive emotionale Beteiligung ist wiederum der Grund, warum es bei einigen Therapeuten zu einer peritraumatischen Dissoziation kommen kann (Daniels, 2007), welche schließlich Intrusionen und ein Gefühl der wiederkehrenden Bedrohung zur Folge haben kann. Aufgrund der peritraumatischen Dissoziation  wird zudem eine Differenzierung in Selbst- und Fremderleben verhindert. Normalerweise erfolgt diese Differenzierung, im Rahmen empathischer Prozesse, also bei der internen Simulation emotionaler Zustände des Gegenübers durch Spiegelneurone. Wird dieser Prozess gehemmt, führt dies dazu, dass das Trauma-Material beim Therapeuten ohne die notwendigen Kontextinformationen abgespeichert wird und hieraus die oben beschriebenen posttraumatischen Symptome (z.B. Intrusionen, wiederkehrendes Bedrohungsgefühl, Hyperarousal) resultieren.