Aufbau des Gehirns

Um zu verstehen, wie  Traumata verarbeitet und im Gehirn gespeichert werden, ist es unabdingbar, dass man sich zuerst mit der Entwicklung des Gehirns beschäftigt. Dies hilft eventuell dabei, zu begreifen, wie die für Traumata so typischen Erinnerungsstörungen, Flashbacks oder Dissoziationen zustande kommen.

 

Die verschiedenen Teile des Gehirns lassen sich auch mit der Art und Weise, wie Menschen in einer traumatischen Situation reagieren in Verbindung bringen. Eine Theorie die sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, ist die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Sie erklärt, warum einige Menschen in lebensbedrohlichen Situationen beginnen zu kämpfen oder fliehen, andere erstarren oder zusammenbrechen und wieder andere anfangen, mit Hilfe von Mitmenschen oder allein, zu agieren, um die Situation aktiv zu bewältigen.

 

Das Reptiliengehirn oder der Hirnstamm

Wenn wir uns die Entwicklung des Gehirns näher anschauen, hilft es uns, wenn wir uns seinen Aufbau vereinfacht vorstellen. Nehmen sie sich dazu ihre linke Hand her und ballen sie diese zu einer Faust. Der Teil, der ihr Handgelenk ist, stellt den ältesten und primitivsten Teil unseres Gehirns dar, das sogenannte Reptiliengehirn (Hirnstamm). Es besteht aus dem Mittelhirn (Mesencephalon) und dem Nachhirn (Myelencephalon), welches die Medulla oblongata und die Brücke (Pons) umfasst. Zum Zeitpunkt unserer Geburt ist dieser Teil bereits vollständig ausgereift und  funktionsfähig. 

Er wird Reptiliengehirn genannt, da nahezu alle Wirbeltiere diesen Teil des Gehirns besitzen und dieser lebensnotwendig ist, da er unter anderem unsere Atmung, unseren Herzschlag oder unsere Darmtätigkeit reguliert. Außerdem benötigen wir ihn bei der Nahrungsaufnahme.

 

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie viele psychische Erkrankungen mit Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Heißhungerattacken, Verdauungsproblemen oder Berührungsempfindlichkeit einhergehen?

 

In diesem Teil des Gehirns befindet sich der dorsal-vagale Komplex, welcher unser allerletztes Notfallsystem darstellt, wenn alle anderen Systeme nicht zum Erfolg führen. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn wir irgendwo festgeschnallt sind oder wenn uns ein potenzieller Angreifer festhält, aber auch, wenn ein Kind durch eine Bezugsperson missbraucht wird, und es auch nicht in Zukunft aus dieser Situation und damit seinem Peiniger entfliehen kann. Wenn dieser Teil aktiviert wird, kommt es dazu, dass unsere Stoffwechselaktivität reduziert wird, unsere Herzfrequenz stark sinkt, die Tätigkeit unseres Verdauungstraktes eingestellt wird und die Atemfrequenz heruntergefahren wird. Wenn dies geschieht, kommt es zum für traumatisierte Personen typischem Erstarren oder Zusammenbrechen. Unser Körper stellt sich quasi "tot". Dieses Phänomen lässt sich auch in der Tierwelt häufig beobachten, zum Beispiel bei Mäusen, die von einer Katze gefangen werden.

 

 

Das Säugergehirn oder das limbische System

Über unserem Reptiliengehirn befindet sich das sogenannte Mittelhirn, welches das limbische System enthält. Dieses wäre sozusagen ihre Faust, wenn sie sich noch einmal unser Bild von vorhin hernehmen. Dieser Teil unseres Gehirns entwickelt sich erst nach der Geburt und reift bis zum ungefähr 6. Lebensjahr. Aber auch danach ist es noch nahezu ein Leben lang dazu in der Lage sich zu verändern und zu formen. Es ist in der Lage, sich den Umweltanforderungen und Lebensbedingungen des einzelnen Individuums ständig neu anzupassen, indem es neue Strukturen ausbildet oder alte Strukturen zurückbildet ("fire together, wire together").

 

Dieser Teil des Gehirns ist vor allem für unsere Emotionen verantwortlich und spielt eine entscheidende Rolle wenn es um die sogenannte Kampf-oder Fluchtreaktion geht. Wenn unser sympathisches Nervensystem aktiviert wird, führt das unter anderem dazu, dass unsere Herz- und Atemfrequenz erhöht wird, unser Blutdruck ansteigt, das Blut aus der Oberfläche in die Muskeln fließt und unser ganzer Körper sozusagen mobilisiert wird. Auch die für traumatisierte Menschen so typischen Gefühle wie Panik oder Wut entstehen in diesem Bereich.

 

Zum Limbischen System gehören u.a. der Hippocampus und die Amygdala.

 

Der Neokortex

Wenn sie nun ihre rechte Hand über ihre linke Hand legen, haben sie den Neokortex, also die äußerste Schicht unseres Gehirns. Er enthält unter anderem die sogenannten Frontallappen, welche sich ab ca. dem zweiten Lebensjahr entwickeln. Diese sind dafür verantwortlich, dass wir mittels Sprache miteinander kommunizieren, abstrakt denken, planen und reflektieren können. Außerdem ermöglichen sie uns die Fähigkeit zur Imagination, Kreativität und befähigen uns Entscheidungen zu treffen. Des Weiteren bilden sie den Sitz unserer Empathiefähigkeit und enthalten die sogenannten Spiegelneurone. Die Funktionsfähigkeit unserer Frontallappen hat demnach einen entscheidenden Einfluss auf unsere sozialen Beziehungen.

 

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