Die Polyvagal-Theorie

Neurozeption

 

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, woher Sie wissen, ob von der Person in Ihrer Umgebung eine Gefahr ausgeht oder nicht? Wieso Sie sich in der Nähe von vertrauten Personen sicher und ruhig fühlen? Weshalb ein Baby die Umarmung eines Fremden als Übergriff empfindet und deshalb zu weinen beginnt?

 

Eine mögliche Antwort auf diese Fragen könnte der Prozess der Neurozeption liefern, welcher von Stephen Porges (2010) in seiner Polyvagal-Theorie beschrieben wird. Bei der Neurozeption handelt es sich um ein System unbewusster Wahrnehmung, welches uns mittels neuronaler Schaltkreise einschätzen lässt, ob bestimmte Menschen oder Situationen sicher, gefährlich oder gar lebensbedrohlich für uns sind. Die Neurozeption findet in den primitiven Teilen unseres Gehirns statt und aktiviert entweder prosoziale oder defensive Verhaltensweisen. Diese Einschätzung, ob eine Person vertrauenswürdig ist (oder vertraut) scheint im Schläfenlappen unseres Kortex stattzufinden und basiert auf bestimmten Bewegungen des Gesichts oder der Extremitäten sowie auf dem sprachlichen Ausdruck (Prosodie).  Gelangen wir zu der Einschätzung, dass keine Gefahr droht, werden diejenigen Hirnareale gehemmt, mittels bestimmter neuronaler Schaltkreise, welche die Defensivstrategien (Kampf, Flucht, Erstarren) organisieren und es kommt zur Aktivierung des Systems, welches mit prosozialem Verhalten assoziiert ist. Verändert sich die Situation bzw. die Bewegungen unseres Gegenübers in der Form, dass eine Gefahr droht, dann werden die Defensivstrategien aktiviert und das System sozialen Engagements blockiert.

Soziales Engagement vs. Defensivverhalten

Prosoziales Verhalten und der Aufbau von sozialen Beziehungen

Um soziale Beziehungen eingehen zu können, ist es notwendig, dass wir Defensivreaktionen (also Verteidigungsstrategien) außer Kraft setzen. Hierfür verfügen wir über entsprechende anpassungsfähige neurobehaviorale Systeme. 

Um effektiv zwischen unseren Verteidigungsreaktionen und Strategien sozialen Engagements wechseln zu können, ist es zunächst notwendig, dass wir richtig einschätzen können, wie gefährlich die Situation gerade ist, in der wir uns befinden. Besteht keine Gefahr, müssen anschließend die Hirnareale für Defensivreaktionen gehemmt und diejenigen für das prosoziale Verhalten aktiviert werden.

Für bestimmte prosoziale Aktivitäten, wie z.B. Umarmungen, bei der Paarung oder beim Stillen von Kindern, ist es jedoch auch wichtig, dass eine "normale" Immobilisationsreaktion zustande kommt. Hierfür wurden im Verlauf der Evolution bestimmte Schaltkreise im Gehirn derart modifiziert, dass die Erfüllung intimer sozialer Bedürfnisse möglich wurde. So entstanden z.B. in diesen Arealen Rezeptoren für das sogenannte "Bindungshormon" Oxytocin. Wenn wir uns sicher fühlen, macht es uns die Ausschüttung von Oxytocin möglich, eine Umarmung zu genießen. Fühlen wir uns hingegen nicht sicher, wird kein Oxytocin ausgeschüttet und wir erstarren (Defensivreaktion - Totstellen) oder setzen uns zur Wehr (Defensivreaktion - Kampf- oder Flucht-Reaktion), wenn uns jemand zu nahe kommt oder uns umarmen möchte.

 

Zusammengefasst: Bedeutung der Neurozeption

In einer neuen Umgebung oder wenn wir auf fremde Menschen treffen erkennt unser Nervensystem  in der Regel, ob wir uns in Gefahr befinden und es finden unbewusst bereits verschiedene neuronale Prozesse statt. Und auch wenn wir kognitiv keinen Grund für unsere Angst erkennen können, kann unser Körper bereits neurophysiologisch reagieren (z.B. Herz fängt an zu rasen, wir zittern, erblassen).

 

Für uns wichtige Personen und Freunde sind in der Lage, unsere Defensivstrategien zu hemmen und prosoziales Verhalten zu aktivieren. Dies liegt daran, dass Areale im Schläfenlappen des Kortex aktiviert werden bei vertrauten Gesichtern oder Stimmen, die verantwortlich sind für prosoziales Verhalten. Außerdem werden gleichzeitig Hirnareale gehemmt, die für die Steuerung der Defensivstrategien zuständig sind.

 

Eine gestörte Neurozeption, also die Unfähigkeit richtig zu unterscheiden, ob unser Gegenüber vertrauenswürdig oder unsere Umgebung sicher ist, kann verantwortlich für verschiedene psychische Störungen, wie z.B. Autismus, Angststörungen, Depression oder PTBS, sein.

 

Das Autonome Nervensystem

Unsere neurobiologische Reaktion auf Reize unserer Umgebung wird beeinflusst durch unser autonomes Nervensystem, welches sich nach Porges Polyvagal-Theorie, in drei Subsysteme gliedern lässt:

 

  1. Der ventral-parasympathische Zweig des Vagusnerves (System soziales Engagement)
  2. Das sympathische System (Kampf - Flucht)
  3. Der dorsal- parasympathische Zweig des Vagusnerves (Immobilisierungsreaktion).

Evolutionsgeschichtlich ist das System sozialen Engagements das jüngste und komplexteste der drei oben genannten Systeme unseres autonomen Nervensystems und entspricht der Zone optimalen Arousals. Es ist dafür verantwortlich, dass wir schnell auf unsere Umgebung eingehen und rasch mit anderen Menschen in Beziehung treten können. Gleichzeitig ist es in der Lage, unsere z.B. Herzfrequenz zu regulieren, ohne das hierfür das sympathische Nervensystem aktiviert werden muss. Das System sozialen Engagements steuert mittels des Musculus orbicularis oculi die Augenlider, ausserdem umfasst es die Mittelohrmuskeln, Kehlkopfmuskeln, Kaumuskeln sowie diejenige Muskulatur, welche für das Kippen und Drehen unseres Kopfes verantwortlich ist. All dies dient der Filterung sozialer Reize und ermöglicht es uns, mit unserer sozialen Umgebung in Verbindung zu treten. Wir erkennen u.a. die Prosodie (=Betonung, Rhythmus, Intonation) menschlicher Stimmen und können den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers beobachten und zuordnen. Befinden wir uns in nicht-bedrohlichen Situationen, dann hilft uns dieses System, uns flexibel anzupassen, soziale Beziehungen aufzubauen und positive Bindungen einzugehen.

 

Erweisen sich derartige Bemühungen in bestimmten Situationen jedoch als zwecklos, aktiviert das System sozialen Engagements automatisch unser sympathisches Nervensystem, welches etwas primitiver und unflexibler ist. Kommt dieses zum Einsatz, wird das Arousal erhöht (Bereich des Hyperarousals) und unsere Überlebensmechanismen werden aktiviert. Unser Körper mobilisiert hierbei sämtliche ihm zur Verfügung stehende Energie und bereitet sich auf eine starke Aktivität vor. Dadurch wird z.B. unsere Atmung vertieft und beschleunigt, unsere Herzfrequenz steigt an, Blut aus der Oberfläche fließt in unsere Muskeln, wohingegen die Blutzufuhr zum Kortex verringert wird, unsere Wachsamkeit gegenüber unserer Umgebung wird erhöht und Körpersysteme die wir gerade nicht benötigen (z.B. Verdauung, Sexualtrieb) werden heruntergefahren. Wir sind bereit zu kämpfen oder fliehen. Führt dieses Verhalten zum Erfolg, reduziert sich einerseits das Ausmaß der Bedrohung und andererseits werden die entsprechenden Botenstoffe, die ausgeschüttet wurden im Rahmen der Alarmreaktion (z.B. Adrenalin, Cortisol), abgebaut. Dies führt dazu, dass das Arousal wieder in den optimalen Zustand zurückfällt.

 

Wenn beide bisher erläuterten Systeme jedoch versagen, wird schließlich der dorsal-parasympathische Zweig des Vagusnerves aktiviert (der nicht-myelinisierte Zweig), welches gleichzeitig das primitivste und älteste System darstellt. Aktiviert wird dieser Zweig u.a. durch Hypoxie (also Sauerstoffmangel in den Körpergeweben), die Wahrnehmung, zu sterben oder intensiven und permanenten Stress. Es kommt zu einem Absinken des Arousals  in die Hypo-Arousal-Zone, zum Absenken der Herz- und Atemfrequenz, zur Muskelentspannung sowie zu Gefühlen von Taubheit und Distanz (Dissoziation). Weiterhin scheint unsere Stimme wie erstickt zu sein, so dass wir nicht in der Lage sind, zu schreien. Seine Überlebenssicherungsstrategie ist die Immobilisation, also das Erstarren bzw. Totstellen und durch die Einschränkung vieler Körperfunktionen soll Energie erhalten werden.

Nachteile dieser hierarchischen Gliederung

 

Ein Nachteil dieser hierarchischen Gliederung scheint es jedoch zu sein, dass die älteren und damit deutlich primitiveren Systeme dazu in der Lage sind, die Funktionen der evolutionär jüngeren und somit differenzierten Systeme zu unterdrücken. Das bedeutet, dass das Immobilisationssystem das System sozialen Engagements vollständig lahmlegen kann, wodurch jegliches Bindungsverhalten oder Beruhigungsverhalten nicht mehr möglich ist. Auch das Kampf- und Fluchtsystem kann das System sozialen Engagements blockieren, jedoch nicht so allumfassend wie das Immobilitätssystem.

 

Welche Auswirkungen hat das Blockieren des System sozialen Engagements? Die Betroffenen haben u.a. Schwierigkeiten dabei, positive Emotionen von Personen in ihrer Umgebung adäquat wahrzunehmen und einzuschätzen, d.h. es fällt ihnen schwer, deren Mimik und Körperhaltung richtig zu deuten. Außerdem gelingt es ihnen kaum, ihre eigenen Affekte differenziert wahrzunehmen. Wenn diese Fähigkeit jedoch gestört ist, ist es kaum möglich, herauszufinden, ob das Gegenüber Feind oder Freund ist. Sie wissen also nicht, wann sie sich in Gefahr oder in Sicherheit befinden. Dadurch bleibt es ihnen auch verwehrt, in einen offenen Kontakt zu ihren Mitmenschen zu treten, von ihnen Unterstützung zu empfangen oder beruhigende Gefühle auszutauschen. Ihre Fähigkeit für soziale Kontakte ist demnach zum großen Teil reduziert und sie bleiben von ihren Mitmenschen isoliert.

 

Dieser Aspekt ist v.a. im therapeutischen Setting relevant, wenn es um den Aufbau einer therapeutischen Beziehung geht. Oft gelingt es den traumatisierten Patienten nicht, die Unterstützung ihres Therapeuten anzunehmen, was, wie sie jetzt bereits wissen, aber nicht daran liegt, dass sie nicht wollen, sondern dass sie durch ihr Feststecken im Immobilisationssystem oder Kampf-Flucht-System schlicht und ergreifend einfach nicht können.

Besonderheiten bei traumatisierten Personen

 

Chronisch vernachlässigte, stark traumatisierte oder misshandelte Personen werden meist vom Immobilitätssystem und akut traumatisierte Menschen vom Kampf- oder Flucht-System dominiert.

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #3

    Birgitta Veit (Sonntag, 09 Juni 2019 21:07)

    Finde Frage von Christoph Hornung sehr interessant......

  • #2

    Max L. (Freitag, 05 April 2019 07:48)

    Tolle Zusammenstellung der Polyvagal-Theorie. Das macht wirklich gut die Rolle des Körpers bei traumatischen Prozessen bzw. Gefahrensituationen deutlich.
    Ich bin sehr gespannt auf das noch in Bearbeitung befindliche Kapitel "Trauma und Emotionen".

  • #1

    Christoph Hornung (Montag, 07 Januar 2019 17:31)

    Könnten Sie mal die Lage der Vagus-Nerven (dorsal, ventral) und der Sympathikus-Nerven im Körper räumlich darstellen - als Bilder -, so dass die Funktionalität dieser Nervenstränge erkennbar wird?