Die Orientierungsreaktion

 

Stellen sie sich einmal folgende Situationen vor:

 

  1. Sie sitzen mit einer guten Freundin gemütlich in einem schönem Restaurant beim Essen. Sie unterhalten sich angeregt miteinander. Plötzlich hören Sie hinter einen lauten Knall.
  2. Sie fahren mit Ihrem Auto über eine Kreuzung. Plötzlich werden sie von einem anderen Fahrzeug gerammt.
  3. Sie liegen Nachts in ihrem Bett und schlafen. Auf einmal vernehmen sie ein Geräusch in Ihrer unmittelbaren Umgebung. Sie öffnen die Augen und sehen einen fremden Mann mit einem Messer neben sich am Bett stehen.
  4. Sie haben vor sich ein ziemlich langweiliges und sehr kompliziert geschriebenes Fachbuch liegen, durch welches Sie sich durcharbeiten müssen, da die darin enthaltenen Informationen in der nächsten Prüfung abgefragt werden.
  5. Sie haben Kinder, die gerade allein und lautstark im Kinderzimmer spielen, während sie die Wäsche aufhängen. Auf einmal nehmen sie wahr, dass keine Geräusche mehr aus dem Kinderzimmer zu vernehmen sind.

 

Was haben alle diese Situationen nun gemeinsam? Richtig, sie lösen den sogenannten Orientierungsreflex aus. Hierbei handelt es sich um einen automatisch ablaufenden, unwillkürlichen Bottom-Up -Prozess, der unser Überleben sichern soll. Er tritt immer dann auf, wenn wir neuartige, unvorhersehbare, sehr komplexe oder für uns persönlich relevante Reize bzw. deren plötzliches Ausbleiben wahrnehmen. Er kann sowohl im Wachzustand, wie auch im Schlaf ausgelöst werden. Wir benötigen die Orientierungsreaktion, um diese Reize wahrzunehmen, weitere Informationen über diese zu sammeln und sie schließlich zu bewerten (als neutrale, positive oder bedrohliche Reize). Der Orientierungsreflex wirkt auf zwei Arten: einerseits hat er eine hemmende Wirkung, dies zeigt sich darin, dass gerade ablaufendes Verhalten kurzzeitig unterbrochen wird. Andererseits wirkt er jedoch auch aktivierend, da bestimmte Bewegungen und Rezeptororgane stimuliert werden, um somit das weitere Sammeln wichtiger Informationen der Situation zu begünstigen. Hierbei wird das Bewusstseinsfeld stark eingeschränkt und es kommt zur Fokussierung der Aufmerksamkeit.

 

Traumatisierte Personen haben oft Schwierigkeiten mit ihrer Aufmerksamkeit, d.h. sie sind entweder hypervigilant und suchen unaufhaltsam ihre Umgebung nach Gefahren ab, wodurch eine Fokussierung auf bestimmte Reize unmöglich wird, oder sie fokussieren sich fast zwanghaft auf einen bestimmten Reiz, wodurch sie weitere relevante Reize nicht mehr wahrnehmen können.

 

Unsere eigenen Überzeugungen spielen bei der Suche nach neuen Informationen eine große Rolle. Wenn wir also glauben, ein bestimmter Reiz sei gefährlich, weil wir in der Vergangenheit eine traumatische Erfahrung gemacht haben, dann führt dies in der Regel dazu, dass wir uns viel häufiger auf diese für uns potentiell gefährlichen Reize hin orientieren.

 

Die Orientierung kann hierbei offen oder verdeckt stattfinden. Von einer offenen Orientierungsreaktion sprechen wir, wenn es zu sichtbaren physischen Handlungen kommt, dazu zählen u.a. die Drehung des Kopfes oder Körpers sowie Augenbewegungen. Diese Handlungen werden in der Regel automatisch, reflexhaft und unabhängig vom Bewusstsein ausgelöst, sobald ein z.B. unerwarteter oder neuartiger Reiz auftaucht. Sie kann jedoch auch Top-down-Komponenten umfassen, was bedeutet, dass wir uns auch bewusst dazu entscheiden können, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Objekte auszurichten und zu fokussieren (siehe Beispiel 4).

 

Die verdeckte Orientierung läuft weitestgehend ohne muskuläre Veränderungen ab und ist daher von außen nur schwer erkennbar. Sie äußert sich beispielsweise in einer leichten Veränderung des Gesichtsausdrucks oder einem veränderten Winkel in der Kopfhaltung.

 

Offene und verdeckte Orientierung stehen eng miteinander in Verbindung, können jedoch auch unabhängig voneinander auftreten. Während wir uns also beispielsweise einem Redner auf der Bühne offen zuwenden, können wir uns gleichzeitig z.B. innerlich mit intrusiven Bildern unseres traumatischen Erlebnisses befassen oder anderen Gedanken nachgehen oder unsere Aufmerksamkeit auf unsere Herzfrequenz richten, in der Befürchtung, einem Herzinfarkt zu erliegen.

 

Uns schnell und angepasst orientieren zu können auf das Hier und Jetzt ist entscheidend für unsere Informationsverarbeitung und die Integration der neu aufgenommenen Informationen. Permanent strömen Unmengen solcher Informationen auf uns ein daher ist es notwendig, diese zu filtern.

 

Die Fähigkeit zwischen Relevantem und Irrelevantem zu unterscheiden ist bei traumatisierten Personen häufig gestört (wir erinnern uns, sie nehmen entweder zu viel oder zu wenig auf). Dies verhindert jedoch eine adäquate Einschätzung der Situation, in der wir uns gerade befinden. So kann es passieren, dass wir einerseits gefahren-relevante Hinweisreize übersehen (Hypo-Arousal), während wir andererseits zu stark auf diese fixiert sind (Hyper-Arousal), und deshalb Stimuli, die uns signalisieren, dass wir nicht in Gefahr sind, einfach übersehen. Diese Fehleinschätzung führt wiederum dazu, dass unser zielgerichtetes Verhalten beeinträchtigt wird.

 

Odgen und Kollegen (2010) beschreiben neun Phasen der Orientierungsreaktion, welche nacheinander bzw. teilweise gleichzeitig ablaufen können. In der ersten Phase kommt es zu einem Anstieg des Arousals, welche von uns als Körperempfindung wahrgenommen wird (z.B. erhöhte Herz- und Atemfrequenz). Diese Reaktion unseres Körpers ist verbunden mit Interesse und Neugier in Bezug auf den unerwarteten oder neuen Reiz. Wenn dieser nicht als Gefahr wahrgenommen wird, verbleibt das Arousal im Toleranzfenster. In der zweiten Phase kommt es zu sogenannten Aktivitätsstillstand, was jedoch nicht zu verwechseln ist mit einer Erstarrungsreaktion (diese zählt zu den Defensivstrategien). In der dritten Phase kommt es zu einer erhöhten sensorischen Wachheit, d.h. unsere Sinnesorgane fokussieren sich auf den neuen Reiz und unsere Wachsamkeit steigt. Hierdurch wird gleichzeitig unser Bewusstseinsfeld eingeschränkt und irrelevante Reize (äußere wie auch innere) ausgeblendet. Als nächstes kommt es zu einer muskulären Anpassung (oft verdeckte Orientierungsreaktion), was dazu führt, dass es zu Bewegungen des Halses und der Augen sowie zu einer Anspannung des Zwerchfells kommen kann. Außerdem wird die Wirbelsäule in der Regel leicht gestreckt, v.a. im Hals, um uns einen besseren Überblick über unsere Umgebung zu ermöglichen. In der fünften Phase beginnen wir unsere Umgebung zu scannen (offene Orientierungsreaktion), indem wir z.B. unseren Kopf drehen oder unseren gesamten Körper einem bestimmten Stimulus zuwenden. Phase sechs dient anschließend dazu, diesen Reiz zu anderen Objekten unserer Umgebung in Beziehung zu setzen, um ihn sozusagen im Raum zu lokalisieren. Als nächstes wird der Reiz identifiziert und eingeschätzt (gefährlich, positiv, neutral). Diese Einschätzung umfasst sowohl sensumotorische wie auch emotionale Reaktionen. Bei traumatisierten Personen kommt es oft vor, dass sie (basierend auf ihren Erfahrungen und Überzeugungen) eine Gefahr erwarten und deshalb eine weitere, gründlichere Einschätzung sowie damit verbundene Revisionsprozesse unmöglich ist. Deshalb reagieren sie häufig defensiv auf Bedrohungssignale oder Trauma-Trigger. In der achten Phase wird das Handeln initiiert. In diesem ersten Schritt kommt es demnach zu einer Annäherung an den Reiz (wenn dieser ungefährlich oder positiv bewertet wird) bzw. zu einer Vermeidung bzw. Defensivreaktion. Die letzte Phase umfasst die Reorganisation des Systems und beinhaltet u.a. eine muskuläre Entspannung und die Zuwendung zu anderen Objekten.

 

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