Das sensorische Nervensystem

Exterozeption und Interozeption

Bildquelle: https://placeoftruth.files.wordpress.com/2014/11/wpid-021-01.jpg
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Am Anfang der Kette stehen immer erst einmal sensorische Informationen, welche  wahrgenommen werden. Hierfür ist unser sensorisches Nervensystem zuständig. Einerseits nimmt es mittels unserer fünf Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut) Informationen aus unserer Umwelt auf, in diesem Fall sprechen wir von der sogenannten Exterozeption. Auf der anderen Seite nimmt der interozeptive Teil die Informationen aus dem Inneren des Körpers auf. Hierzu zählt das kinästhetische Empfinden (=Lage des Körpers im Raum), das innere Empfinden (z.B. Herzfrequenz, Atmung, Körpertemperatur, Muskelspannung, Organempfindungen) und der Gleichgewichtssinn.

 

Exterozeption:

 

Von Exterozeption sprechen wir, wenn es um die Aufnahme von Informationen aus der Umwelt, mittels unserer fünf Sinne geht. Dieser Prozess kann in zwei Teilprozesse gegliedert werden:

 

  1. Den physischen Akt der Aufnahme von Sinneseindrücken und
  2. Die persönliche / individuelle Wahrnehmung des einzelnen sensorischen Inputs (Cohen, 1993).

 

Sensorische Reize, die über unsere Sinne wahrgenommen werden, gelangen in Form von elektrischen Impulsen zunächst undifferenziert ins Gehirn. Da dies in der Regel unendlich viele Reize sind, müssen diese im Anschluss gefiltert, gehemmt oder verstärkt sowie mit bereits vorhandenen Informationen abgeglichen werden. Mit Hilfe dieser Prozesse (+ dem sogenannten Orientierungsreflex) wird es möglich, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte, für uns relevante Reize zu richten und andere Reize unbeachtet zu lassen. Somit spielen vorherige ähnliche sensorische Stimuli und unsere damit verbundenen emotionalen Reaktionen und Überzeugungen, eine entscheidende Rolle für die Aufnahme und Verarbeitung aktueller und neuartiger Reize. In diesem Zusammenhang spielt die sogenannte Priming-Funktion eine entscheidende Rolle, welche v.a. bei traumatisierten Personen häufig dysfunktional ist. Das bedeutet, dass sie wiederholt sensorische Informationen wahrnehmen, die sie mit dem traumatischen Erlebnis verbinden. Dabei übersehen sie jedoch oft, dass es gleichzeitig noch weitere sensorische Hinweise gibt, welche ihnen anzeigen, dass sie sich aktuell nicht in Gefahr befinden.

 

Für die Traumabehandlung spielt dieser Prozess insofern eine Rolle, dass es peritraumatische sensorische Verzerrungen gibt, mit denen sich die Betroffenen auseinandersetzen müssen. Außerdem gehört die Bearbeitung posttraumatischer intrusiver sensorischer Erinnerungsfragmente unverzichtbar zur Behandlung von Traumata.

 

Interozeption:

 

Veränderungen in unserem Körper nehmen wir als inneres (somatisches) Empfinden wahr, dazu zählen u.a. Veränderungen durch Bewegungen in unseren Sehnen, Bändern und Muskeln, biochemische Veränderungen oder Veränderungen der Atmung und Herzfrequenz.

 

Diese Art "sechster Sinn" ist das Resultat der Aktivität unserer Interozeptoren, also denjenigen Nerven, welche Informationen aus unserem Körperinneren wahrnehmen und weiterleiten. Zu den Interozeptoren gehören u.a. :

 

  1. die sogenannten Propriozeptoren, welche uns Aufschluss über die Position unseres Körpers im Raum liefern,
  2. die Nozizeptoren, die Schmerzreize übermitteln,
  3. Thermozeptoren, die verantwortlich für die Wahrnehmung von Temperaturen sind,
  4. Das Vestibularsystem, welches unser Gleichgewichtsempfinden kontrolliert
  5. Und unser viszerales Empfinden (Enterozeption), welches uns Informationen über die Bewegungen in unseren inneren Organen vermittelt (z.B. Übelkeit, Hungergefühl, Herzrasen).

 

Im Normalfall laufen die Informationen der Interozeption wie somatisches Hintergrundrauschen ab, d.h. wir sind uns dessen nur selten bewusst, obwohl es immer vorhanden ist. Wenn wir jedoch unsere Aufmerksamkeit bewusst darauf lenken, dann wird es uns möglich, unsere Atmung oder unseren Herzschlag zu spüren.

 

Nehmen wir die somatischen Empfindungen wahr, können sie unsere Emotionen und Kognitionen beeinflussen. So kann beispielsweise ein schneller schlagendes Herz wahrgenommen und mit Angst in Verbindung gebracht werden oder aber mit einer erhöhten körperlichen Anstrengung. Und je nachdem wie es gedeutet wird, beeinflusst dies unsere emotionale Reaktion, die unweigerlich mit der körperlichen Empfindung verbunden ist.

 

Personen die ein Trauma erlitten haben, fühlen entweder zu viel oder zu wenig (van der Kolk, 2000). So können innerkörperliche Empfindungen als etwas sehr schmerzhaftes und überwältigendes wahrgenommen werden sowie als Hinweis auf eine akute Gefahr gedeutet werden. Hinzu kommt der Fakt, dass unter Stress die interozeptiven Empfindungen deutlich verstärkter wahrgenommen werden (Cameron, 2001). Auf der anderen Seite leiden einige Traumatisierte jedoch auch unter einer sogenannten Alexisomie, d.h. unter der Unfähigkeit, Körperempfindungen wahrzunehmen oder verbal zu formulieren (z.B. "Ich spüre meinen Körper nicht.").

 

Bewegungen spielen bei der Entwicklung von Gehirnfunktionen eine zentrale Rolle und manifestieren sich in vielen Formen. So zählen zu Bewegungen einerseits grobmotorische Fertigkeiten wie z.B. das Laufen, feinmotorische Handlungen (z.B. Nähen mit einer kleinen Nadel), aber auch die nonverbale interpersonale Kommunikation (z.B. Gestik, Mimik). Bewegungen finden sich weiterhin bei den inneren Bewegungen unserer Organe, der Ausschüttung von Hormonen oder dem Fließen von Körperflüssigkeiten.

 

Es gibt eine Wechselbeziehung zwischen unserer sensorischen Wahrnehmung und Bewegung, d.h. beide beeinflussen sich gegenseitig und führen letzten Endes zu bestimmten Handlungstendenzen (= die Neigung, bestimmte Handlungen auszuführen, welche wiederum im prozeduralen Gedächtnis gespeichert werden).

 

Physisches Handeln tritt in akut traumatischen Situationen sogar eher auf wie kognitive und emotionale Reaktionen, d.h. die betreffende Person reagiert mit einer motorischen Handlungssequenz, die unwillkürlich abläuft und sogar größtenteils vorhersagbar ist (siehe Orientierungsreflex).

 

Empfindungen in unseren Körperinneren, Bewegungen und Impulse werden im prozeduralen Gedächtnis gespeichert und lassen sich in drei Kategorien unterteilen:

 

  1. Erlernte motorische Abläufe (z.B. Fahrrad fahren)
  2. Notfallreaktionen (z.B. Verteidigungshaltung, Rückzug, Kampf, Flucht, Erstarren)
  3. Grundlegende organismische Reaktionstendenzen (z.B. Annäherung, Vermeidung)

 

Zusammengefasst:

 

Sensorische Informationen aus unserer Umwelt oder unserem Körperinneren werden im Bruchteil einer Sekunde wahrgenommen und als somatische Empfindungen kodiert und weitergeleitet zum Verarbeiten, also z.B. als Berührung, Geruch, Anblick oder eine bestimmte Körperhaltung.

 

Ein Flashback kann durch eines der beiden Systeme (Exterozeption oder Interozeption) ausgelöst werden. Dies erklärt u.a. weshalb es auch manchmal im Zuge einer sportlichen Aktivität oder nach dem Trinken von Kaffee oder Cola zu Flashbacks kommen kann.

 

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