Bindungssystem

 Wenn man sich mit dem Thema Traumata und Posttraumatische Belastungsstörung beschäftigt, kommt man nicht umhin, sich ebenfalls mit dem Thema Bindung auseinanderzusetzen. In den 50er Jahren begründete John Bowlby die Bindungstheorie (1958), welche besagt, dass ein Säugling in seinem ersten Lebensjahr, aufgrund seines biologisch determinierten Verhaltenssystems, eine starke Bindung zu einer primären Bezugsperson entwickelt. Dieses Bindungssystem wird immer dann aktiviert, wenn das Kind u.a. Angst, Schmerz oder eine andere innere oder äußere Bedrohung erlebt. Je nachdem welches Bindungsmuster vorliegt, kommt es zu spezifischen Bindungsverhaltensweisen, die z.B. eine Trennung von der Mutter verhindern sollen. Das Bindungssystem hat evolutionär  die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich erhöht und deshalb hat sich dieses Verhalten phylogenetisch durchgesetzt.  Das Bindungsmuster, welches wir im ersten Lebensjahr entwickeln, bleibt unser ganzes Leben lang aktiv, was sich u.a. darin zeigt, dass wir auch im Erwachsenenalter die Nähe  und Unterstützung von anderen Menschen suchen, wenn wir uns in Gefahrensituationen befinden. Das System beruhigt sich, sobald das Bedürfnis nach Bindungssicherheit befriedigt wurde und das Kind beginnt, seine Umwelt zu erforschen, d.h. es kommt zu einem sogenannten Explorationsverhalten. Bleibt das Bindungsbedürfnis jedoch unbefriedigt, hat dies zur Folge, dass kein Explorationsverhalten zustande kommt. Stattdessen entwickeln sich ambivalente Gefühle gegenüber der Bezugsperson  oder stark aversive Gefühle wie Wut, Enttäuschung oder Frustration. Auch aggressive Verhaltensweisen können in solchen Situationen auftreten (vgl. Parens, 1993).

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Feinfühligkeit

Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir auf die Fürsorge und Pflege von anderen, in den meisten Fällen von unseren Müttern, angewiesen. Als Baby stehen uns jedoch noch nicht viele Möglichkeiten zur Verfügung, um auf unsere jeweiligen Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Erst im Laufe unserer Entwicklung erweitert sich dieses Repertoire und wir lernen zunehmend, für uns selbst zu sorgen und uns selbst zu beruhigen. Wie gut uns dies gelingt, ist unter anderem davon abhängig, wie unsere Interaktionen mit unseren primären Bezugspersonen verlaufen sind. Durch diese sogenannte Bindungsbeziehung wird die Basis geschaffen für u.a. unsere spätere Affektregulierung, Impulskontrolle, Empathiefähigkeit, Beziehungsfähigkeit sowie unser Selbstgewahrsein.

 

In der Bindungsforschung wird die Fähigkeit der primären Bezugspersonen, eine sichere Bindung herzustellen,  Feinfühligkeit genannt. Mary Ainsworth hat in diesem Zusammenhang mehrere Punkte zusammengefasst, die eine feinfühlige Mutter kennzeichnen: So ist sie innerhalb einer für das Kind tolerablen Frustrationszeit in der Lage, die Signale ihres Kindes ohne große Verzögerung wahrzunehmen, zu deuten und adäquat auf diese zu reagieren.

Warum es wichtig ist, ein Baby nicht schreien zu lassen

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Trennungen von ihren Müttern führen bei Kindern zu starken emotionalen Erregungszuständen, auf welche es Bowlby (1998) zufolge, immer in der gleichen Abfolge reagiert: Zuerst erlebt es Angst, da es abhängig ist vom Schutz und der Fürsorge durch die Mutter, wodurch es oft zu weinen und schreien beginnt, um die Mutter dadurch zu einer Rückkehr zu bringen. Gelingt dies nicht, beginnt das Kind gegen das Alleingelassenwerden zu protestieren, indem es sich in Rage schreit vor Wut und Zorn. Führt dies ebenfalls nicht zum Erfolg, gerät es in einen Zustand der Verzweiflung und Apathie, in welchem es sich zurückzieht und immer weniger auf seine Umwelt reagiert. Ruppert (2005) beschreibt noch eine vierte Phase, welche sich v.a. im Erwachsenenalter finden lässt, nämlich den Übergang von einer seelischen Anspannung, in eine körperliche Anspannung. Hierdurch zeigen sich verstärkt somatoforme Beschwerden, wie z.B. Verspannungen oder Kopf- und Rückenschmerzen.

Bindungsmuster

Ainsworth und Kollegen (1978) haben in zahlreichen Studien drei verschiedene Bindungsmuster (sichere, unsicher-vermeidende und unsicher-ambivalente Bindung) herausgearbeitet, welche später von Main und Solomon (1990) noch um eine vierte Bindung, nämlich die desorganisierte-desorientierte Bindung, ergänzt wurde.

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Die sichere Bindung

Die sichere Bindung zeichnet sich dadurch aus, dass die Mutter oder primäre Bezugsperson adäquat auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert, d.h. sie achtet auf emotionale Einstimmung.  Hierdurch kommt es zur Entstehung eines relativ großes Toleranzfenster in Bezug auf sein Arousal, d.h. es ist in der Lage aversive Emotionen wie Enttäuschung, Frust oder Trauer gut zu regulieren. Weiterhin entwickelt sich ein wirkungsvolles System sozialen Engagements, welches uns auch im Erwachsenenalter dazu befähigt, aktiv die Nähe anderer Menschen aufzusuchen (Annäherungsbewegungen) und diese beispielsweise um Hilfe zu bitten, statt zu vermeiden. Kennzeichen einer sicheren Bindung sind u.a. ein ausgeprägtes Explorationsverhalten des Kindes, wenn die Bezugsperson sich in seiner unmittelbaren Umgebung befindet. Kommt es zu einer Trennung von der Mutter, kehrt das Kind schnell wieder zurück zu seinem vorher gezeigten Explorationsverhalten, nachdem es angezeigt hat, dass es die Mutter vermisst. Im Falle der Rückkehr der Mutter tritt das Kind sofort in physischen Kontakt zu ihr, d.h. es nähert sich an. Personen die eine sichere Bindung aufweisen, nutzen sowohl Auto-Selbstregulations- als auch interaktive Selbstregulationsstrategien. Sie sind demnach in der Lage, sich adaptiv an die jeweiligen Situationen anzupassen und flexibel innerhalb der Arousal-Zonen zu wechseln. Außerdem gilt die sichere Bindung als ein wichtiger Faktor zur Vermeidung traumainduzierter Psychopathologie, indem sie  u.a. die Entwicklung der rechten Hirnhälfte fördert, besonders des Orbito-Präfrontalkortex, welcher beispielsweise für die Selbstregulationsfähigkeit eine relevante Rolle spielt.  In Verbindung mit Kompetenzentwicklung ist die sichere Bindung außerdem dafür verantwortlich, dass eine innere Kontrollüberzeugung entsteht, die den Kindern vermittelt, auf bestimmte Situationen einen Einfluss zu haben, und ihnen nicht hilflos ausgeliefert zu sind. Dies bildet eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung weiterer Problembewältigungskompetenzen. Die Erfahrung, sich mit anderen in Einklang bringen zu können und zu befinden, ermöglicht es, subtile Veränderungen in  Gesichtern und Stimmen eines Gegenübers leichter zu erkennen und sich adäquat an diese anzupassen. Hierdurch werden sicher gebundene Kinder oft als angenehme Zeitgenossen oder Spielkameraden eingeschätzt, was ihnen wiederum viele positive Erfahrungen und selbstbestätigende Erlebnisse ermöglicht.

Die unsicher-vermeidende Bindung

Bei der unsicher-vermeidenden Bindung zeigt die Mutter in der Regel abwehrende bzw. ablehnende Verhaltensweisen, wenn das Kind versucht sich anzunähern, oder sie zieht sich zurück. Hierdurch wird es dem Kind nicht möglich, mit der Mutter in einen physischen Kontakt zu treten und sein Bedürfnis nach Nähe und Kontaktaufnahme bleibt unerfüllt. Das Kind beginnt zunehmend, sich dieser Situation anzupassen, was dazu führt, dass es aufhört, die Nähe von Bezugspersonen zu suchen und immer öfter emotional reserviert reagiert. Erkennen lässt sich dies daran, dass diese Kinder nicht weinen, wenn die Mutter sie verlässt und auch nicht reagieren, wenn diese anschließend zurückkehrt. Aber nur, weil sich keine offensichtliche Reaktion der Kinder zeigt, bedeutet dies nicht, dass nichts geschieht. Es hat sich stattdessen gezeigt dass diese Kinder sich permanent in einem Zustand erhöhter Erregung befinden, verbunden mit einer chronisch erhöhten Herzfrequenz und erhöhten Kortisolwerten (Spangler & Schieche, 1998). Im Erwachsenenalter zeigt sich dieser Bindungsstil dann daran, dass die Betroffenen sich häufig distanzieren, betont eigenständig auftreten und Emotionen vernachlässigen. Außerdem reagieren sie auf Stress oft mit Rückzug. Ihr System sozialen Engagements ist beeinträchtigt und sie haben generell nur wenig Kontakt zu ihren inneren Zuständen. Das führt dazu, dass es oft zu Diskrepanzen zwischen ihren emotionalen und körperlichen Zuständen kommt, d.h. während die Person z.B. lächelt und betont, es gehe ihr gut, kann ihr Körper deutliche Anzeichen für Unbehagen zeigen. Personen mit diesem Bindungsmuster wollen auf keinen Fall von anderen abhängig sein, weshalb sie vorrangig Strategien der Autoregulation nutzen, wie z.B. Tagträumereien, das Abtauchen in Fantasiewelten oder Musikhören.

 

Kommt es aufgrund traumatischer Ereignisse jedoch zu einer extremen Aktivierung des Bindungssystems, so sind diese Kinder, wie auch die Mütter, durchaus in der Lage, ihre Bindungsvermeidung aufzugeben und sich aktiv Hilfe und Schutz bei der Mutter zu suchen, bzw. als Mutter ihr Kind zu schützen (Brisch, 2004).

Die unsicher-ambivalente Bindung

Die unsicher- ambivalente Bindung zeichnet sich aus durch die unvorhersehbaren und unberechenbaren Reaktionen der Mutter auf die Bedürfnisse des Kindes. Einerseits lässt sie die  Nähe zum Kind zu und verhält sich feinfühlig und zuverlässig, und ein anderes Mal lehnt sie das Kind ab und weist es zurück. Das Kind weiß demnach nie, woran es ist und kann sich nicht auf die Mutter verlassen. Hierdurch haben diese Kinder oft Schwierigkeiten mit Stress umzugehen und ihre Impulskontrolle ist nur mangelhaft ausgeprägt. Sichtbar wird dieses Bindungsmuster darin, dass diese Kinder permanent damit beschäftigt sind, die Aufmerksamkeit ihrer Bezugsperson auf sich zu ziehen, durch z.B. Schreien, Brüllen oder Anklammern. Verlässt die Mutter den Raum, führt das dazu, dass die Kinder stark aufgebracht reagieren. Bei der anschließenden Rückkehr der Mutter setzt jedoch keine Beruhigung des Kindes ein, wie es bei einer sicheren Bindung der Fall wäre,

sondern es bleibt weiterhin stark auf die Mutter fixiert und ist nicht in der Lage ausgeglichen und ruhig  zu seinem Spiel zurückzukehren. Im Erwachsenenalter schlägt sich dies dann in anklammernd-abhängigen Beziehungen nieder, wobei die Betroffenen stark auf ihr inneres Leiden fixiert sind.  Auch bei diesem Bindungsmuster ist das System sozialen Engagements gestört und es ist den Betroffenen oft nicht möglich, adäquat einzuschätzen, ob sie sich in Sicherheit befinden oder nicht, was wiederum dazu führt, dass sie häufig einen verstärkten Affekt  sowie einen erhöhten körperlichen Erregungszustand (Hyperarousal) erleben. Bei unsicher-ambivalent gebundenen Kindern ist die Autoregulation geschwächt, weshalb sie Einsamkeit und Allein-Sein nur sehr schwer ertragen können. Sie bevorzugen demnach im Gegensatz zu den unsicher-vermeidend Gebundenen vorrangig interaktive Selbstregulationsstrategien. Diese zeigen sich jedoch nur bedingt erfolgreich, so dass die Betroffenen aufgrund ihrer gleichzeitig bestehenden Hypervigilanz trotzdem oft im Hyperarousal-Bereich verbleiben.

Die desorganisierte - desorientierte Bindung

 Bei der desorganisierten - desorientierten Bindung erleben die Kinder das Verhalten der Mutter einerseits als bedrohlich und beängstigend (z.B. aufgrund von tatsächlichem Drohverhalten der Mutter, überfallartige Annäherung durch die Mutter) und andererseits als angstvoll, wenn die Mutter z.B. zurückweicht oder ihre Stimme ängstlich klingt. Außerdem kommt es oft zu sich plötzlich ändernden Zuständen der Mutter oder gar zu Misshandlungen oder Vernachlässigungen der Kinder.  Hierdurch verbleibt das Kind über einen langen Zeitraum in einem Zustand des Hyper- oder Hypoarousals, was dazu führt, dass es zu einem gleichzeitigem Aktivieren von Annäherungs- und Vermeidungstendenzen bei den Kindern kommt. Sie zeigen deshalb ein stark inkongruentes Verhalten, d.h. es werden abwechselnd oder sogar gleichzeitig zwei konträre Systeme aktiviert. Am Anfang einer Bedrohungssituation kommt es bei desorganisiert-desorientiert-gebundenen Personen zu einer sympathischen Aktivierung, d.h. die Atem- und Herzfrequenz erhöht sich, der Kortisolspiegel steigt an und es kommt insgesamt zu einer starken Alarmreaktion. Bringt diese Strategie nicht den gewünschten Erfolg, dann erfolgt ein Wechsel vom Hyperarousal zum Hypoarousal, was bewirkt, dass der dorsal-vagale Komplex aktiviert wird und es zu einem Zustand von Immobilität kommt. Auf der Verhaltensebene sind vor allem motorische Sequenzen stereotyper Verhaltensweisen oder kurzzeitiges "Einfrieren" bzw. Erstarren zu beobachten. Diese Zustände ähneln stark dissoziativen Phänomenen. Dies erklärt die teilweise paradoxen Reaktionen von einigen Traumatisierten, die einerseits Nähe suchen, andererseits jedoch starke Anzeichen von Erregung und Angst zeigen, wenn sie die Nähe erhalten haben. Kinder, die Vernachlässigung und Missbrauch oder Misshandlungen ausgesetzt sind, lernen, dass ihre primäre Bezugsperson ihnen nicht helfen wird, egal was sie selbst versuchen (z.B. Weinen, Flehen). Dadurch kommt es quasi zu einem Konditionierungseffekt, d.h. die Kinder werden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in schwierigen Situationen und bei Herausforderungen aufgeben. Auch diese Kinder haben, genau wie sicher gebundene, eine gut ausgeprägte Fähigkeit entwickelt, mimische und stimmliche Veränderungen des Ausdrucks bei ihrem Gegenüber wahrzunehmen. Im Unterschied zur ersten Gruppe (sicher gebunden), deuten sie diese Signale jedoch viel häufiger als Gefahren und reagieren mit Angst oder defensiven Strategien. Außerdem geht mit dem Gefühl des fehlenden physischen Einklangs oft einher, dass diese Kinder ihren Körper  und eigenen Empfindungen nicht richtig wahrnehmen, sondern sich meist nur an die Bedürfnisse der Bezugspersonen anpassen. Wenn Kinder sich in ihrer Kindheit nicht sicher fühlen, dann sind sie in ihrer Fähigkeit, Gefühle zu regulieren oft beeinträchtigt. Dies zeigt sich z.B. daran, dass sie im Vorschulalter oft entweder teilnahmslos oder aggressiv sind und im Erwachsenenalter häufiger zu psychischen Störungen neigen. Weiterhin konnte eine veränderte Herzratenvariabilität und eine erhöhte Herzfrequenz nachgewiesen werden, d.h. die Kinder weisen physiologische Anzeichen für Stress auf. Ursachen, die zu desorganisierten Bindungsmustern führen können, sind neben Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch, auch Eltern, die aufgrund eigener Traumata emotional instabil sind und ihren Kindern nicht den nötigen Schutz und ausreichend Geborgenheit geben können.  Laut Karlen (1996)  können demnach zwei verschiedene Gruppen von primären Bezugspersonen unterschieden werden: die erste Gruppe ist aufgrund eigener Probleme nicht ausreichend in der Lage, sich adäquat um ihre Kinder zu kümmern. Sie wirken im Kontakt oft feindselig und zudringlich und waren den Kindern gegenüber zurückweisend oder verhielten sich so, als ob die Kinder die Bedürfnisse der Mütter befriedigen müssten. Zudem schienen sie in ihrer Kindheit oft selbst  misshandelt oder häuslicher Gewalt ausgesetzt worden zu sein. Die zweite Gruppe hingegen wusste nicht, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollten und erschienen ängstlich und hilflos. Sie schienen mit ihrer Rolle als Erwachsene überfordert und suchten Trost und Geborgenheit beim Kind. Außerdem zeigte sich, dass diese Mütter in ihrer Kindheit oft selbst sexuell missbraucht worden waren.

 

Wenn wir nun davon ausgehen, dass die meisten fehleingestimmten Bezugspersonen selbst traumatische Dinge erlebt hatten in ihrer Kindheit, dann stellt sich oft die Frage, wieso sie dies ihren Kindern ebenfalls antun, wenn sie doch eigentlich wissen, welche Auswirkungen dieses Verhalten hat. Es hat sich gezeigt, dass die Kinder, deren Eltern sich nicht im Einklang mit ihnen befanden, in ihrer Interaktion zunehmend aufsässiger, frustrierter und niedergeschlagener wurden, was wiederum die Mütter immer mehr frustrierte, hilfloser und niedergeschlagener machte. Es entsteht ein Teufelskreis, der von allein kaum noch zu unterbrechen ist.

Zusammenfassung

 Für unser Überleben ist es notwendig, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Situationen unterscheiden zu können. Wie jedoch lernen wir, was für uns Sicherheit bzw. Gefahr bedeutet? Einen wichtigen Ansatzpunkt zur Klärung dieser Fragen stellt die Bindungsforschung zur Verfügung. Wie bereits erläutert, beeinflussen unsere frühesten primären Bezugspersonen wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen, was wiederum einen entscheidenden Einfluss auf unser sich noch in der Entwicklung befindendes Gehirn hat. Die Interaktionen mit unseren Bezugspersonen zeigt uns, was gefährlich oder sicher ist, wer verlässlich ist bzw. wer uns immer wieder enttäuschen wird und auch, wie wir unsere Bedürfnisse erfüllt bekommen. Hier wird der Grundstein dafür gelegt, wie wir über uns selbst und die uns umgebende Welt denken.

 

Früh auftretende Beziehungstraumata sind für eine unzureichende Entwicklung der orbitofrontalen Systeme verantwortlich, wodurch die Entwicklung einer adäquaten Affektregulierung verhindert wird. Außerdem sind sie eine Ursache dafür, dass später unser System sozialen Engagements gestört ist und wir in Gefahrensituationen eher auf Defensivstrategien zurückgreifen. Weiterhin stellt ein unsicheres Bindungsmuster einen Risikofaktor für das Auftreten einer Posttraumatischen Belastungsstörung nach traumatischen Ereignissen dar, wohingegen eine sichere Bindung ein Schutzfaktor ist, der das Auftreten von Traumafolgestörungen verhindern kann.

Zu guter Letzt

 Wenn man sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt, gerät man schnell an den Punkt, dass auf den Eltern eine immense Verantwortung lastet. Wer kennt sie nicht, die zahlreichen Situationen, in denen wir uns nicht im Einklang mit unserem Nachwuchs befinden oder gar ungeduldig oder gestresst auf deren Bedürfnisse reagieren? An dieser Stelle liebe Eltern, möchte ich Ihnen ein wenig Angst nehmen. Es hat sich gezeigt, dass es keine gravierenden Auswirkungen hat, wenn wir nicht immer optimal auf die Bedürfnisse unserer Kinder eingehen. Kinder müssen auch lernen, mit Enttäuschungen und Frustrationen umzugehen. Solange diese Situationen also nicht Überhand nehmen, steht der gesunden Entwicklung ihres Kindes nichts weiter im Wege.

 

Take-Home-Message

sichere Bindung:

  • fördert die Entwicklung adäquater Affektregulierung,
  • Problembewältigungsstrategien,
  • innerer Kontrollüberzeugungen,
  • Selbstgewahrsein,
  • Beziehungsfähigkeit,
  • eigene Bedürfnisse erkennen,
  • Grenzen wahren und setzen,
  • Schutzfaktor vor Psychopathologie nach traumatischen Ereignissen

unsicher-ambivalente Bindung:

  • Reaktionen der Mutter unvorhersehbar und unberechenbar
  • Verstärktes Bemühen der Kinder, Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu ziehen (Schreien, Brüllen, Anklammern)
  • Verstärkt interaktive Selbstregulationsstrategien, aber es tritt keine richtige Beruhigung ein, dank Hypervigilanz
  • Gestörtes System sozialen Engagements
  • Werden oft zu Opfern
  • Risikofaktor für das Auftreten von Traumafolgestörungen

 

unsicher-vermeidende Bindung:

 

  • Mütter reagieren ablehnend auf Kinder und ziehen sich zurück, kein Körperkontakt
  • Kinder reagieren daraufhin ebenfalls mit Rückzug, verstärkten Auto-Selbstregulationsstrategien
  • Gestörtes System sozialen Engagements
  • Risikofaktor für Auftreten von Traumafolgestörungen

 

desorganisierte - desorientierte Bindung:

  • aufgrund von Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung
  • inkongruentes Verhalten durch das Wirken zweier konträrer Systeme (Kampf- Flucht , Immobilität)
  • gestörtes System sozialen Engagements
  • Risikofaktor für das Auftreten von Traumafolgestörungen


Fachbegriffe

Affektregulierung:

=hierbei handelt es sich um Fähigkeit, unsere Gefühle in ihrer Dauer, Intensität oder Art in eine bestimmte Richtung zu verändern bzw. zu beeinflussen

 

aversiv:

= unangenehm

 

Explorationsverhalten

= die Bereitschaft, seine Umwelt aktiv zu erkunden bzw. zu erforschen

 

Hypervigilanz

= bezeichnet eine erhöhte Wachheit, und ist ein zentrales Symptom bei z.B. PTBS oder Zwangsstörungen

 

konträr

= gegensätzlich

 

 

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